Was macht uns eigentlich alles aus

Betriebliches Eingliederungsmanagement – Was macht uns eigentlich alles aus

Was hilft mir im BEM, die Komplexität eines Falls (vor allen Dingen den betroffenen Menschen dahinter) zu sehen und das Wesentliche hieraus zu erfassen, um BEM gut gestalten zu können, nicht am Thema vorbei zu agieren.

Als BEM Beauftragter ist es in der Herangehensweise hilfreich, um die Verschiedenheit von Mitarbeitern zu wissen. Der Erkrankte besteht nicht nur aus seinen Fertigkeiten und Kenntnissen.

Die Identität des Menschen kann man gut an dem Beispiel von Professor Dr. H.Petzold erklären.

Er hat 2001 die fünf Säulen der Identität als Aspekte der Persönlichkeit benannt.

Hauptsächlich ist die Identitätsentwicklung dadurch gesteuert, wie ich mich zum einen selbst sehe und entwickele, und wie ich von anderen gesehen werde.

(Quelle Petzold, Heul, Psychotherapie Arbeitswelt)

Säule 1: Leiblichkeit

Längst nicht geht es hier nur um den Körper des Menschen.

Die Leiblichkeit macht uns aus, mit allen Gefühlen und Erlebnissen die wir im Leben abgespeichert haben.

Diese Säule fordert uns auf, darauf zu achten zum Beispiel einen gesundheits- bewussten Lebensstil zu führen, sich gesund zu ernähren, Arbeitseinflüsse die uns nicht gut tun, zu minimieren, beweglich zu bleiben, präventiv zu agieren, um unseren Körper zu schonen, das Leben möglichst lang genießen zu können, und last but not least seine Leistungsfähigkeit lange zu erhalten.

Im BEM wäre hier zu betrachten:

  • Wie sind die Bedürfnisse des Mitarbeiters, schläft er gut, erholt er sich, sorgt er für Entspannung, sorgt er für Bewegung im Privaten, grenzt er sich gut ab.
  • Wie ist sein Äußeres, pflegt er sich, und ist er es sich selbst  wert, ernährt er sich einseitig oder abwechslungsreich, wie aktiv ist jemand.

Säule 2: Soziale Beziehung

Diese besteht aus den sozialen Beziehungen eines Menschen. Wir sprechen häufig in der Gesellschaft von unserer Individualisierung, aber auch von der Zunahme der Vereinsamung von Menschen, gleichzeitig von veränderten Kommunikationswegen, „echte“ Gespräche und Austausch finden immer seltener statt, Flexibilität und Mobilität fordern uns heraus, immer präsent am Arbeitsplatz zu sein. Was macht das mit unseren sozialen Beziehungen?

Manchmal brechen gefestigte Familienstrukturen auseinander, das Zusammenleben von Mehrgenerationen hatte früher oftmals, für uns heutzutage, einengendes, war aber ein Fundament das Sicherheit gab und die Existenz sicherte.

Wir sind angewiesen auf andere Menschen.

Wir identifizieren uns darüber, und helfen auch anderen durch unser Zutun, sich zu entwickeln.

Fragen im BEM, die hilfreich wären, um zu schauen, ob es hier Konflikten oder Isolation gibt.

  • Ist der Mitarbeiter in einem sozialen Gefüge oder alleinlebend, hat er Nachbarn, Freunde, oder aber auch Menschen die ihm nicht wohlgesonnen sind, wo es zu andauernden Konflikten kommt
  • Wie ist das Verhältnis zu Kollegen und Vorgesetzten
  • Hat er die Möglichkeit Kontakte zu pflegen, sich mit Freunden zu treffen.
  • Hat er Arbeitsstellen allzu oft gewechselt
  • Ist er in einem Verein, hat er einen Austausch auch außerhalb der Arbeit?

Säule 3: Arbeit, Leistung und die Freizeit

Einer der elementarsten Rollen in unserer Gesellschaft, welche in ihren Auswirkungen leider zu gravierenden gesundheitlichen Problemen führen kann.

Wir definieren uns über Arbeit, ziehen oftmals unser ganzes Selbstvertrauen und unseren Selbstwert daraus.

Gesellschaft und Politik tragen ihr übriges dazu bei, ohne Arbeit stehen wir vermeintlich schnell im gesellschaftlichen Abseits.

Die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust lässt uns oft  arbeiten über die Erschöpfung hinaus.

Selbst Arbeiten, die uns nicht liegen, die für keinerlei „Mehrwert“ stehen, werden geleistet. Langfristig führt dies zu Identitätsstörungen.

Wir Menschen gestalten durch unsere Arbeit unser Leben und unsere Umwelt.

Fragen die man sich im BEM Prozess dazu stellen kann:

  • Welchen Beruf führt jemand aus?
  • Was bedeutet Leistung für jemanden?
  • Welchen Weg an Schule, Ausbildung, Studium hat jemand hinter sich, wie war dieser gestaltet?
  • Wie ist die Art der Freizeitgestaltung?
  • Ist jemand auch an anderen Dingen als Arbeit interessiert
  • Wie wichtig ist jemandem die Anerkennung seiner Arbeit?

Säule 4: Materielle Sicherheit

Die dritte Säule Arbeit ist untrennbar verbunden mit der materiellen Sicherheit.

Wenn ich Geld verdiene, schaffe ich mir die Grundlage für eine bestimmte materielle Sicherheit.

Ein Haus, Kleidung, Auto etc., geben mir das Gefühl des Dazugehörens zu einer bestimmten Gruppe, einem bestimmten sozialen Status.

Die materielle Sicherheit zu halten, finanzielle Unabhängigkeit anzustreben, finanzielle Schwierigkeiten auszuhalten kann zu einer großen Belastung und zu großem Druck führen.

Fragen die im BEM Prozess Relevanz haben können:

  • Wie ist die finanzielle Situation im Leben gewesen, gab es häufiger Brüche?
  • Wie reagiert jemand wenn er unter psychischen Druck gerät?
  • Sind Schulden vorhanden, wie sieht es mit der materiellen Sicherheit aus?
  • Wird oft und gern konsumiert, zeigt jemand seinen „Luxus“, wie ist der Lebensstil?
  • Wie solidarisch zeigt sich jemand im Umgang mit Kollegen?

Säule 5: Werte und Normen

Dies sind die Werte, die nichts mit dem Prestige und der Anerkennung unserer Arbeit und dem Geld verdienen zu tun haben.

Es geht um Worte wie Haltung, innere Werte, sinnvolle Aufgaben zum Beispiel durch ehrenamtliche Tätigkeiten, sich einsetzen für andere Gutes zu tun und dadurch Kraft tanken.

Es geht hier um unsere Überzeugungen, wofür man steht, was man Leben (vorleben) möchte.

Diese Säule kann dann wichtig werden, wenn zum Beispiel die Säule Arbeit (evtl. für einen bestimmten Zeitraum) wegfällt.

Fragen im BEM:

  • Woraus beziehe ich, außer aus meiner Arbeit, noch meine Achtung und mein Selbstwertgefühl?
  • Wie ist meine Einstellung zu relevanten Themen in der Gesellschaft?
  • Was gibt mir Halt im Leben?
  • Bin ich religiös und / oder humanistisch veranlagt, glaube ich an etwas was mir Kraft gibt, was macht mich glücklich?

Fazit:

Für das BEM bedeutet dies, dass die private Identität eines Menschen immer auch eine Rolle im Betrieb spielt.

Die Ausprägung einzelner Wesensmerkmale ist unterschiedlich, manchmal hinderlich, manchmal von Vorteil.

Die fünf Säulen stehen im BEM für ein Konzept, was man als kleine Gedankengrundlage oder Stütze für das ein oder andere BEM Gespräch sehen kann.

Sie sind kein Fragenkatalog, sondern können hilfreich sein, um sich bewusst zu machen, wie sehr sie in Wechselwirkung zueinander stehen, und sich beeinflussen.

Zeigen sich Brüche in einer Säule, stellt sich schnell die Frage, wie dennoch eine Stabilität weiter gewährleistet sein kann.

Das Modell steht aber auch dafür, sich einmal selbst zu fragen, wie die eigenen Säulen sind.

Was mir selbst wichtig ist, wo vielleicht eigene Brüche waren, wie man mit diesen umgegangen ist, welche verletzenden Erinnerungen geblieben sind, die sich auch aktuell immer mal wieder zu Wort melden und über bestimmte Verhaltensweisen offenbaren.

Wenn man hier einigermaßen ehrlich zu sich selbst ist, kann das eine spannende Erfahrung sein, auch mit einer vertrauten Person können die Säulen durchleuchtet werden, hier erhält man dann auch gleichzeitig einen Erkenntnisgewinn durch den Blick des anderen von außen.